Wo aus einem Lebensmittel eine Frage wird
Wann Vorsicht geboten ist
Die wichtigste Nachricht zuerst: Als Lebensmittel ist die Schwarze Johannisbeere sicher. Menschen essen sie seit Jahrhunderten in ganz Europa, und es gibt keine dokumentierten Fälle, in denen der normale Verzehr zu ernsthaften Problemen geführt hätte — das gilt für Kinder, für ältere Menschen und in normalen Mengen auch für Schwangere. Die Fragen dieses Abschnitts betreffen andere Situationen: größere Mengen, konzentrierte Extrakte, bestimmte Medikamente, besondere Lebensphasen.
Warfarin und Phenprocoumon — zwei Wirkstoffe, nicht zwei Namen
Der international bekannteste Vitamin-K-Antagonist ist Warfarin; im deutschsprachigen Raum wird häufiger Phenprocoumon verordnet, das viele unter dem Handelsnamen Marcumar kennen. Es sind zwei verschiedene Wirkstoffe, keine zwei Namen für denselben — aber sie wirken nach demselben Prinzip, und für die Ernährung gilt bei beiden dasselbe.
Nicht die Menge an Vitamin K ist das Problem, sondern die Schwankung. Wer täglich ungefähr gleich viel davon aufnimmt, hat einen stabilen INR-Wert; wer an einem Tag viel Grünkohl isst und am nächsten gar kein Gemüse, erzeugt Schwankungen. Für die Johannisbeere heißt das nicht „Finger weg", sondern Konstanz: nicht plötzlich große Mengen anfangen und ebenso wenig plötzlich aufhören. Wer unsicher ist, spricht mit der Arztpraxis oder Apotheke — der INR-Wert ist leicht zu prüfen.
Das Samenöl und die Gerinnung
Fettsäuren können die Blutgerinnung beeinflussen — kein spezifisches Problem dieses Öls, es gilt für viele Öle mit hohem Anteil ungesättigter Fettsäuren. Der Mechanismus ist präklinisch beschrieben; ob er bei den üblichen ein bis zwei Teelöffeln am Tag klinisch bedeutsam wird, ist nicht gesichert. Wer Antikoagulanzien einnimmt und größere Mengen möchte, bespricht das ärztlich.
Schwangerschaft und Stillzeit
Die Beere als Lebensmittel ist unproblematisch — essen, trinken, aufs Brot streichen wie bei jedem anderen Obst. Anders bei Extrakten und Kapseln: keine EMA-Monographie und damit keine Sicherheitsbewertung für die Schwangerschaft, keine klinischen Studien an Schwangeren, keine belastbaren Tierversuchsdaten. Das heißt nicht, dass Extrakte gefährlich sind, sondern dass wir es nicht wissen. Dasselbe gilt für konzentriertes Samenöl und für die Stillzeit.
Kinder
Frische Beeren, Saft, Konfitüre — alles unproblematisch und schon immer üblich. Was Kinder nicht brauchen, sind hochdosierte Extrakte oder Kapseln: Ihr Stoffwechsel arbeitet anders, ihre Leber verarbeitet Substanzen anders. Wer ein Präparat erwägt, fragt vorher den Kinderarzt.
Allergien und die erste äußerliche Anwendung
Außerordentlich selten: In der allergologischen Fachliteratur finden sich kaum Fallberichte, Kontaktallergien sind nicht dokumentiert. Wer auf andere Beeren empfindlich reagiert, sollte beim ersten Kontakt aufmerksam sein — nicht panisch, aufmerksam. Vor der ersten äußerlichen Anwendung, ob Samenöl auf der Haut oder ein Umschlag aus dem Blätteraufguss, gilt: erst an einer kleinen Stelle probieren.
Und ein Satz zur Werbung: Für die Behauptung, Knospenmazerate wirkten wie pflanzliches Cortison, gibt es keine kontrollierte Studie am Menschen — solche Präparate gehören nicht an die Stelle ärztlich verordneter Medikamente.
Diese Hinweise ersetzen keine medizinische Beratung. Bei Unsicherheiten, bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme wenden Sie sich bitte an einen Arzt oder Apotheker. Die Faustregel des Buches: Lebensmittelmengen sind fast nie ein Problem, bei höher dosierten Extrakten fragt man nach.