Kapitel 1 · Der letzte Bus
Der Monteur hatte die Ofentür so behutsam geschlossen, als schliefe dahinter jemand.
„Die Platten krieg ich nimmer“, hatte er gesagt und sich die Hände an einem Fetzen abgewischt, der schmutziger war als seine Hände. „Für das Modell macht die keiner mehr. Ich könnt’s dir flicken, Verena. Dann hält er bis Lichtmess. Vielleicht.“
Er war am Sonntagnachmittag gekommen, weil er ihrem Vater noch etwas schuldig gewesen war. Jetzt war er fort, und auf der Theke lag ein Zettel mit der Zahl, die ein neuer Etagenofen kosten würde, Lieferung und Einbau inklusive, „mit Rabatt, weil du’s bist“. Verena hatte den Zettel umgedreht. Es half nichts. Die Zahl stand auf der Rückseite genauso deutlich da, nur dass man sie nicht lesen konnte.
Draußen trieb der Schnee schräg über den Kirchplatz, in Schüben, als würfe ihn jemand mit der Schaufel vom Himmel.
Verena wischte das Blech, das schon sauber war. Danach die Theke. Im Brotregal lag noch ein einziger Laib, ein Roggenbrot mit gesprungener Kruste, das am Vormittag keiner gewollt hatte, weil es zu dunkel geraten war. Ihr Vater hätte gesagt, das sei das beste. Die Dunklen haben mehr zu erzählen. Er hatte über Brot geredet wie über Musik und über Musik wie über Brot.
Im Schaufenster brannte die erste Kerze am Adventkranz, dem ersten ohne ihn. Letztes Jahr um diese Zeit hatte er noch oben auf der Empore gesessen, im Mantel, weil die Kirche nie richtig warm wurde, und für das Adventsingen geübt. Im Jänner war er gestorben. Seither hatte sie die Orgel nicht mehr angerührt. Der Schlüssel zur Empore hing noch am Haken neben der Backstubentür, an einem ausgefransten Lederband, und sie hängte jeden Morgen ihre Schürze so darüber, dass sie ihn nicht sehen musste.
Gegenüber stand die Kirche, die Fenster dunkel bis auf eines. Heute hatte der Gesangsverein das Adventsingen ohne Orgel gehalten, und Verena hatte es durch die Mauern gehört: das dünne Singen ohne Fundament, wie ein Haus ohne Keller. Pedal zuerst, Verena. Das Pedal trägt alles.
Nach Dreikönig, dachte sie. Bis Dreikönig halte ich durch, dann sperre ich zu. Sie probierte den Satz an wie einen Mantel, der nicht passt. Achtzig Jahre Bäckerei Fanninger in Lichtwang, und dann Packpapier hinter der Scheibe.
Um zwanzig vor sieben kamen Scheinwerfer, zwei gelbe Flecken, die größer wurden. Der letzte Postbus. Er hielt mit einem Seufzen der Bremsen an der Haltestelle, die Tür klappte auf, und für einen Moment war er das Hellste im ganzen Ort.
Jemand stieg aus.
· · ·
Wer da ausgestiegen ist und was am nächsten Morgen auf der Theke liegt, lesen Sie in der Leseprobe.